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Mittwoch, 18. Mai 2011

Das Mädchen mit dem Cello oder die Geschichte einer missglückten Adoption

Es gibt einige Dinge, die mich auch nach Jahren des Erlebens noch beschäftigen. Eine davon ist die Geschichte von Laras Adoption.

Ich war sechs Jahre alt, als Lara von der Familie meiner Kinderfreundin Beatrice P. adoptiert wurde. Die Familie P. hatte damals zwei leibliche Kinder und wünschte sich noch zusätzlichen Nachwuchs. Da es sich angeblich bereits mit Beatrice und ihrem Bruder nicht sehr einfach gestaltet hatte, sah man sich jetzt in Indien nach einem weiteren Geschwisterchen um. Man stieß auf Lara.

Meine erste Erinnerung an Lara ist die eines molligen, hübschen Babys, das immer strahlend unsere Nähe suchte. Vom Temperament her war Lara freundlich, genügsam, zufrieden und vor allem sehr anpassungsfähig.

Sieben Monate nach Laras Ankunft adoptierte Familie P. ein zweites indisches Baby. Bis auf die geografische Herkunft hatten die jüngere Tabea und Lara nichts gemeinsam. Vom Tag 1 war Tabea zielstrebig, ehrgeizig, sportlich und setzte sich konsequent gegen die älteren Geschwister, und speziell gegen Lara, durch. Das fiel auch der Mutter P. auf. Obwohl es sich bei Tabea um eine Adoptivtocher handelte, erkannte sie sich in dem Kind 1:1 wieder. Das war bei Lara nicht der Fall. Ganz im Gegenteil.

Diese Dynamik war sehr schlecht für Lara. Ständig wurde sie mit der jüngeren Tabea verglichen und zog stets den Kürzeren. Beatrice und der Bruder orientierten sich am Beispiel der Mutter. Der Vater zog sich aus der Affäre.

In einer Familie, in der Körperkontrolle das A und O ist, neigte Lara zur Pummeligkeit. Man pochte auf Disziplin und sich-im-Griff-haben. Ich habe oft erlebt, dass sie warten musste, bis die anderen Familienmitglieder ihre Portionen bereits zur Hälfte aufgegessen hatten, bis sie selber mit der Malzeit beginnen durfte.

Lara entwickelte Lernschwierigkeiten, wahrscheinlich unter anderem die Konsequenz eines geringen Selbstbewusstseins. Das bedeutete Sonderschule. Ein weiterer Minuspunkt. Da sie schulisch wenig Erfolg zeigte, beschloss die Mutter, dass die neun Jahre alte Lara nun ein Instrument lernen sollte, um sich wenigstens irgendwo hervorzuheben. Cello. Ich sehe das kleine Mädchen noch heute, schwerbepackt mit dem Streichinstrument, mit traurigem Ausdruck den Berg hinauf radeln. Ob ihr das Cellospiel jemals Freude bereitete? Ich bezweifle es.

Man hatte je länger desto mehr das Gefühl, dass Lara nicht in die Familie passte und dass die Familie Laras Außenseiterrolle mehr und mehr demonstrierte. Ein Beispiel ist, dass die Mutter mit jedem der Kinder allein eine schöne Reise machte. Beatrice durfte nach Indonesien. Der Bruder auf Safari. Tabea und eine Cousine zusätzlich nach Amerika. Einen Mutter-und-Lara-Urlaub gab es nicht. Der fiel aus.

Es kam, wie es kommen musste. Als Lara den Hauptschulabschluss endlich in der Tasche hatte, brach sie nach zwei Wochen in einem Bäckereibetrieb die Ausbildung ab. Sie ging putzen und beendete meines Wissens nie eine Ausbildung. Mit siebzehn zog sie von zu Hause aus, in ein Projekt betreutes Wohnen für Kinder aus schwierigen Familien. Seither habe ich nie wieder etwas von Lara gehört.

Als Kind habe ich intuitiv gefühlt, dass Lara Unrecht geschieht. Oft nahm ich sie unter meine Fittiche, verteidigte sie gegen Beatrice und Tabea. Wenn ich heute zurückschaue, glaube ich, dass es sich um  K i n d e s m i s b r a u c h  emotionaler Natur handelte. Würde ich das heute nochmals miterleben, würde ich die Eltern klar und deutlich auf die Situation ansprechen.         

Zum Glück habe ich noch ein anderes Beispiel einer Adoption in meinen Bekanntenkreis, das sehr glücklich endete. Das lässt mich die Dinge in einem differenzierten Licht sehen.

Kommentare:

  1. Das Lara-Beispiel gibt es auch ohne Adoption... mir tut es schrecklich leid für Lara, auch für dich, die du sicher gerne wüsstest, wie es ihr geht und was sie macht. Natürlich sind die Eltern "schuld", dennoch sehe ich sogar das differenziert, denn auch Eltern sind "nur" Menschen und machen Fehler... Auf jeden Fall ist Laras Geschichte niemandem zu wünschen und genau wie du sehe ich es auch: man muss, zumindest wenn man erwachsen ist, "was sagen", Augen öffnen, Augen offen halten. Trotzdem finde ich Adoption nach wie vor eine gute Sache...

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  2. Echt traurig...da würde man am liebsten gleich irgendwas unternehmen...die haben Ihr auf Deutsch gesagt, das Leben versaut / verbaut...wie sich die Liebe der Eltern zu ihren Kinder so auf das ganze Leben auswirkt ...

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  3. Das Wort Kindesmissbrauch hatte ich bereits im Kopf, bevor ich den unteren Teil (und Deine Worte) gelesen hatte.
    Psychische Gewalt wird heutzutage immer noch nicht wirklich anerkannt. Die Menschen haben immer noch im Kopf, dass ein Kind nur aus der Familie genommen werden müsste, wenn es geschlagen wird. Schrecklich.

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  4. Mir ging es so, wie Lilly. Ich bin froh, dass ich für meinen Job gut auf das Thema Kindeswohlgefährdung vorbereitet worden bin. Und ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, Kinder davor zu schützen...


    Zu meinem Post:
    Dankeschön!
    Stimmt, bei H&M kann man Ober- und Unterteile getrennt voneinander kaufen. Das verspricht eine perfekte Passform- wenn es soweit ist ;-)

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  5. Das klingt total schlimm und wenn ich sowas lese bekomme ich Wut im Bauch!
    Die Menschen denken so oft nicht nach was sie anderen antun und vorallem Kindern nicht!

    Auch wenn es nicht ganz passend zu dem ernsten Thema ist ... hab ich Dich mal getaggt- vielleicht hast Du Lust mitzumachen!

    http://mondbluemchens-kleine-welt.blogspot.com/2011/05/10-things-i-love.html

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  6. Das ist echt heftig. Leider wart du damals noch nicht in dem Alter, um die Eltern vor den Kopf zu stoßen. Außerdem traut man sich auch nicht. Traurig um Lara, dass sich nicht nach ihrem Wesen gefördert wurde. Ich selbst weiß wie es ist, unterschiedliche Kinder groß zu ziehen. Selbst jetzt noch brauchen sie die Eltern, obwohl sie schon erwachsen sind. Ich finde es ganz wichtig, das Kind so zu nehmen wie es ist. Man kann nur lenken, aber nicht bestimmen.
    LG Sabine

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