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Dienstag, 11. Oktober 2011

Fallen Angel

Vielleicht erinnert ihr Euch noch an Nazrin (click 1, click 2, click 3, click 4, click 5)? Und wie es dazu kam, dass sie sich endlich (endlich!) mit Anatoli verlobte?

Nazrins Geschichte ist noch nicht zu Ende. Ist es ein Glück, dass wir manchmal nicht wissen, was das Schicksal mit uns vorhat?

Jetzt muss ich ausschweifen. Nazrin’s kleine Schwester Irinka war ein herzallerliebstes Geschöpf. Ein Mini-Schneewittchen mit dunklen Augen und einem Hauch von Sommersprossen auf dem Kindernäschen. Trotz Verwöhnpädagogik allürenfrei. Nach der Uni bezogen wir Irinka oft in unser Tun ein. Nahmen sie mit auf Shoppingpirsch und zum Kaffeetrinken. Leider endeten unsere fröhlichen Nachmittage, als die Familie auf’s Land zog.

Viele Jahre vergingen. Wir kamen auf den Geschmack von Anti-Falten-Crème und aus klein-Irinka wurde Irina. "Sechzehn!, Stell Dir vor, sie ist sechzehn geworden!, Du musst sie dringend sehen!", meinte Nazrin eines Tages zu mir. Es wurde klar, dass aus der kleinen Schwester eine enge Freundin geworden war. Diesen schicksalhaften Sommer genossen die beiden in vollen Zügen. So, als ob sie wüssten, dass es der letzte sein sollte.

Ein Abend zu dritt wurde arrangiert. Wir aßen Schawarma und lachten viel. Was für eine Freude! Irina, so herrlich unbeschwert und voller Lebensfreude. Wein trank Irina nicht. E.pilepsie war bei ihr neu diagnostiziert worden. Im Griff war die Krankheit nicht.

Zum Abschied umarmte ich Irina. "Schön, dass es Dich gibt. Auf bald!", versprachen wir uns. Doch ein "bald" sollte es nicht mehr geben.

Diesen Anruf werde ich nicht mehr vergessen. "Meine kleine Schwester, Irina, ist tot!" Gerade sechzehn Jahre alt, e.rtrunken in der Badewanne. Im Zusammenhang mit einem e.ptiletischen Anfall, genaue Ursache unklar. Unfassbar. Die Welt steht für einen Moment still.

Das letzte Geleit konnte ich Irina nicht geben. Denn am gleichen Tag wurde mein Großvater beerdigt.

(Dies beruht auf Tatsachen)

Sonntag, 24. Juli 2011

Diamonds are forever

Eines Tages fällt jedoch trotz aller Vorsichtsmassnahmen der Groschen bei Mutti B. 

Nazrin’s Vati lässt es sich nicht nehmen, für seine Aelteste eine spektakuläre Geburtstagsparty auszurichten. Zur Tarnung erscheinen Anatoli und ich gemeinsam. Womit aber keiner gerechnet hat, ist das delikate türkisfarbene Schächtelchen mit weißer Schleife, das Anatoli vor aller Augen auf den Tisch legt. Gespannt verfolgen wir, wie Nazrin - ohne groß zu überlegen - das Päckchen öffnet. Zum Vorschein kommen elaborate Diamantohrringe.


Stille. Mutti B. schluckt. Sie hätte das Talent zum Stummfilmstar, ihre Mimik spricht Bände. Ich erwarte die Reaktion. Den hysterischen Ausbruch ob der vermuteten Deflorierung. Freude über den baldigen Schwiegersohn. Zumindest Wehklagen, wie man sie so hintergehen kann. Doch Mutti B., ganz Dame, tut so, als wäre nichts. Erleichtert atmen wir alle auf.

Am Ende des Abends zieht Vati B. Anatoli diskret zur Seite. Kurz darauf wird die Verlobung bekannt gegeben. Ich vermute, der Plan ist aufgegangen.

Donnerstag, 21. Juli 2011

Secrets...

Noch immer ist alles streng geheim. Obwohl die beiden bereits kurz vor dem Uni-Abschluss stehen, möchte Nazrin nicht, dass die Eltern von der mittlerweile gefestigten Beziehung erfahren. Anatoli findet seinen inkognito Status unmöglich und drängt Nazrin dazu, endlich Nägel mit Köpfen zu machen.

Als ihre Eltern geschäftlich in Moskau sind, zieht Nazrin in die elterliche Wohnung und kümmert sich um die wesentlich jüngere Irinka. Anatoli drängt Nazrin. Möchte – wenn schon nicht die Eltern – so zumindest einmal die Wohnung sehen.

Spätabends schaut er zum "Fernsehen" vorbei.

Irinka schläft. Nazrin wähnt sich sicher.

Mittwoch, 20. Juli 2011

Russisches Kaffeekränzchen

Ein schickes Café im besten Bezirk. Am eleganten Glastischchen Nazrin und ihre Entourage. Ueber der Sofalehe eine Ansammlung von Pelzjäckchen, Pradatäschchen und ein für die Neunziger Jahre erstaunlich schmales Motorola.

Nazrin stellt mich ihren Gespielinnen vor. "This is Miss Winkelmann. My most smartest Friend!" Model-Jevgenia und Oligarchen-Jana, denen die unbeabsichtigte Doppeldeutigkeit von Nazrin's Grammatikfehler nicht aufzufallen scheint, mustern mich von Kopf bis Fuß. Sie nicken, als ob der Groschen gerade gefallen sei. Man ist sich einig. Ein Mädel, das offensichtlich keine Ahnung hat, wer oder was Versace ist, muss über gewisse innere Werte verfügen, um in Nazrins Gunst zu stehen.


(Meine eigenen Freunde sind übrigens weit weniger gnädig. Sie fragen mich provokativ, ob Nazrin wohl einen an der Klatsche habe).

Ja, was liegt unserer vermeintlichen Mesalliance zu Grunde? Warum ist sie die Erste, die ich anrufe, wenn meine Welt ins Wanken gerät?

Nun, Nazrin ist ein extrem großherziger Mensch. Sie nimmt Dich vier Wochen bei sich auf, ohne zu fragen, warum Du hier bist oder wie lange Du zu bleiben gedenkst. Sie begleicht Deine vierstelligen Schulden im Casino. Sie kann richtig von falsch unterscheiden und hat Rückgrat. Und sie ist so herrlich erfrischend und komplett aus dem Schema fallend. Stets von einem Hauch Glamour umgeben.

Nazrin hat einen festen Platz in meinem Herzen. Auch wenn das manchmal für Außenstehende schwer zu verstehen ist. 

Montag, 18. Juli 2011

Nazrin und der Wunderheiler

Ich lese Herrn Winkemann Nazrin’s Nagellackgeschichte vor. Er lacht. "Erzähl ihnen vom Wunderheiler!" Also, dann soll es mit dem Wunderheiler weitergehen.


Die russische Volksseele ist sehr offen für das, was wir hierzulande Aberglaube nennen. Nazrin ist da nicht anders. In ihrer Wahrnehmung gibt es Vorboten für Glück und eben solche, die großes Unglück heraufbeschwören. Darunter fallen zerbrochene Spiegel, Schuhe auf dem Tisch, ausgeborgte Eheringe. Ganz schlimm ist es, eine Spinne ins Jenseits zu befördern. Auf Engelszungen wirkte ich einst auf sie ein, ein handtellergroßes Subjekt zu eliminieren. Im Gegenzug für ihre Dienste musste ich sämtliche zu erwartende Konsequenzen auf mich laden. Aber wir schweifen hier von eigentlichen Handlungsfaden ab.

Eines Tages keimt in Nazrin der Verdacht auf, ihr Heim sei von bösen Kräften besessen. Irgendeinen Grund muss es ja haben, dass sich Nazrin’s Beziehung zu ihrer Putzfrau stetig verschlechtert. Auf Empfehlung einer Bekannten bequemt sie einen Wunderheiler aus dem East End herbei. Einen spirituellen Menschen mit Rasta-Locken und fremdländischen Gewand. Mit einem "You wait. I go look.", entschwindet er ins Obergeschoß. Dann der markerschütternde Schrei. Nazrin stürmt nach oben. Sie entdeckt den am ganzen Leibe zitternden Wunderheiler, der auf allen vieren unter Anatoli’s und Nazrin’s Bett herumstochert. Magische Laute von sich gebend, fördert er ein Päckchen mit Hühnerknochen und Haaren zu Tage. "Bad! Very bad, indeed. Jemand hat einen Fluch auf Dich ausgesprochen. Unheil wartet auf Dich!"

Nazrin, in Panik, zückt ihr Scheckbuch. Für teures Geld verpflichtet sie den Gentleman, ihr Heim von den bösen Einflüssen zu reinigen. Die Frage bleibt jedoch offen, wer das Päckchen unter dem Bett versteckt hat. Vorsichtshalber tauscht Nazrin ihre Putzfrau aus.

Vielleicht ist es gut, dass Nazrin nicht weiß, was das Schicksal mit ihr vor hat. Doch mit Hühnerknochen wird dies reichlich wenig zu tun haben.

Freitag, 15. Juli 2011

Lost in Translation

Bei Familie B war ich immer gerne zu Gast. Eine stilvoll möblierte Wohnung im besten Bezirk. Eine liebe Mutti. Häppchen im Kühlschrank. Die süße Mini-Schwester Irinka, die wir liebevoll aufstylen. Da kann eigentlich nichts schief gehen. Theoretisch zumindest. Auf Nummer sicher gehend, trichtert Nazrin mir spätestens im Treppenhaus die Regieanweisung ein. Und zwar:

1. Nazrin hat keinen Boyfriend. Sie ist ein "Good Girl".
2. Ich habe auch keinen Boyfriend.
3. Und wenn ich denn einen hätte, würde ich keinesfalls mit ihm zusammenwohnen.
4. Auch meine Mutti findet nichts dabei, mir den kamelhaar-farbenen Valentino Mantel für 800 Pfund zu kaufen.
5. Und, ganz wichtig! Nazrin hat KEINEN Boyfriend.

Nazrins Zitterpartie ist umsonst. Bis es mir gelingt, ein das die Sprachbarriere durchdringendes Sätzchen zu formulieren, hat Nazrin fünfmal die Gelegenheit, mir unter dem Tisch ans Schienbein zu treten.


Mittwoch, 13. Juli 2011

Nazrin wohnt zur Untermiete oder über den Ursprung meiner Louis Vouitton Tasche

Nazrin kommt aus konservativem Umfeld. Man möchte das Beste. Und das Beste ist, Anfang zwanzig einen stattlichen Mann kennenzulernen und diesen alsbald zu ehelichen. "Wer möchte denn eine Suppe essen, von der ein anderer schon probiert hat?", so die Erklärung der Mutter.

Insofern weiß Nazrin, dass sobald sie zu Hause einen Mann ankündigt, die Uhr zu ticken beginnt. Wie’s der Zufall so will, verliebt sich Nazrin innerhalb der ersten drei Minuten im Studentenwohnheim in Anatoli. Während des ersten Uni-Jahres entpuppt sich Anatoli als geeigneter Langzeitkandidat. Doch anstatt der Sofort-Ehe möchte Nazrin ausprobieren, ob das junge Glück auch den Herausforderungen des Wer-ist-heute-dran-mit-Geschirrspüler-ausräumen standhält. Der Trick? Offiziell wird Nazrin meine Wohngenossin, während sie de facto in Anatoli’s Maisonettewohnung zieht.

Nach einer Weile wundert sich Nazrin’s Vater, weshalb ich seiner Tochter keine Miete abverlange. Diese Form von Gastfreundschaft, hat er gehört, sei im Westen unüblich. Da muss man sich irgendwie erkenntlich zeigen. In Form einer wunderschönen Louis Vouitton Tasche, die mir zu Weihnachten in die Hand gedrückt wird. Zurückgeben? Unmöglich. Denn sonst fällt der Schwindel auf.

Dienstag, 5. Juli 2011

Caution! Wet nails!! oder Nazrin und die Statistik

Nazrin ist ein Original. Der erste Satz, den ich im Studentenwohnheim von ihr hörte, war: "Don’t you think I am a model?!?" Darauf gibt es zwei Reaktionen. Entweder: Nein, Du blöde Kuh, das bist Du nicht oder aber: Interessante Persönlichkeit. Mal sehen was da noch so kommt. Ich entschied mich für Zweiteres. Ich hatte nicht wirklich eine große Wahl, denn Nazrin und ich teilten uns ein Doppelzimmer. Inklusive ihrem Marky Mark Poster (Witz!) und ihrer Nagellacksammlung (tödlicher Ernst!).


Von Nazrin sollte noch vieles kommen. So zum Beispiel jener Auftritt in der Statistikvorlesung. Der Professor hatte gerade an der Wandtafel zur Kurve angesetzt. Es klopft am Saalportal. Siebzig Köpfe drehen sich seitwärts wie bei Roger F e d e r e r’s  Aufschlag. Durch die Glastüre erspähen wir Nazrin, Finger von sich gespreizt, wild gestikulierend. Dumpf ertönt es mit russischem Akzent: "Can somebody open the door! I have got wet nails!!" Tja Nazrin, hättste halt mal Deinen Manikürentermin auf nach der Vorlesung gelegt.

Uebrigens – Nazrin lehnte freundlich aber bestimmt den von Papa eingefädelten Private Banking Job während des Pseudo-Interviews ab. "Let me be honest with you, Mr. Banker. I do not want to work in a bank. I want to be a model!"

Und wie das Leben manchmal so spielt, sahen wir einige Jahre später Nazrin’s sonnenbebrilltes Konterfei auf einem Londoner Bus an uns vorbeifahren.